Produktion der Theater-AG am St. Ursula Gymnasium

Die wilden Kinder auf dem blauen Planeten

Warum das Theater-AG Angebot für SchülerInnen der Mittelstufe?

Produktion der Theater-AG am St. Ursula Gymnasium im Juni 2019

 Szenisches Interpretieren und Darstellen gehört sicher in den modernen Klassenraum, viel wichtiger scheint uns jedoch folgender Aspekt:  Sich selbst mit anderen in theatraler Präsenz auf der Bühne zu erleben verändert die Sicht auf alles: auf Inhalte, auf Themen, auf Konflikte, auf die anderen, und vor allem auf die eigene Person. Die Theater-AG gilt daher als fester Bestandteil im außerunterrichtlichen Angebot des St. Ursula Gymnasiums und ist zudem innerhalb des Angebots der individuellen Förderung wählbar.

Seit mehr als 20 Jahren erarbeitet die Theater-AG im Rahmen jeweils eines Schuljahres ein Stück, das im Sommer zur Aufführung kommt. Neben einem Schauspielkurs erhalten die SchülerInnen hier die Möglichkeit, selbst zu inszenieren. So manches stille Talent ist hier schon laut geworden.

 

 

Theater ohne Theater?

Das Atrium, in dem geprobt und aufgeführt wird, erweist sich nicht nur als akustische Herausforderung. Der laufende Unterrichtsbetrieb interferiert mit den Proben, das Sprechen muss mit Hilfe von Hängemikrofonen verstärkt werden, die Bühne wird ständig auch für andere Zwecke genutzt, einen Raum für Requisiten oder Bühnenbild gibt es nicht. All diese Umstände setzen der Inszenierung Grenzen, die wir als Herausforderung sehen: Wir können trotzdem gutes SchülerInnentheater machen!

GLEDI oder: Die wilden Kinder auf dem blauen Planeten

Wir haben ein halbes Jahr geprobt und vorbereitet. Das Theaterstück für Jugendliche von Andri S. Magnason (aus dem Isländischen von Andreas Vollmer) nach dessen gleichnamigem Roman kommt auf die Bühne. Harte Arbeit liegt hinter uns, denn sowohl den Text betreffend als auch in Bezug auf Bühnenraum und Requisite führt das Stück uns an die Grenzen des Machbaren:

 

Was ist schöner, als bei ewigem Sonnenschein wie ein Schmetterling durch die Luft zu segeln? Nichts. Der Traumerfüller Gledi Glamour, der mit einer Staubsaugerrakete auf dem blauen Planeten landet, verwandelt die bisher so einfache Welt der wilden Kinder: Er saugt Schmetterlinge ab und verkauft deren Staub. Mit Teflon macht er ihn unabwaschbar. Er klebt die Sonne am Himmel fest, damit es immer Tag bleibt. Die Kinder sind einfach nur noch gledi. Zumal der lustige Gast aus dem All für alles nur klitzekleine Tröpfchen Jugend will.

Als zwei von ihnen beim Wettfliegen abgetrieben werden und so die Nachtseite des Planeten kennenlernen, wollen die Sonnenkinder nichts davon hören. Die ausgebleichten Kinder auf der Nachtseite sind ihnen egal. Gledi Glamour hat bald alle Kraft aus ihnen gezogen, und mit seinem Tank voller Jugend will er auf und davon.

Am Ende wird alles gut, aber dazu müssen die Kinder einige sehr schmerzliche Wahrheiten selbst herausfinden, bis ihnen klar wird, dass nicht Gledi das Monster ist, sondern sie selbst.

 

Dieses wilde surreale Märchenspiel, das zunächst so niedlich und kindlich daher kommt, dessen Worte jedoch zunehmend ernst und nach Tagespolitik klingen, verlangt nach exotischen Bühneneinfällen, nach besonderen Lösungen für Requisite und Kostüm und nach viel Freude an Unfug!

Erfreulicherweise stand Andri Magnason in persönlichem Kontakt mit der Spielleitung

Erfreulicherweise stand Andri Magnason in persönlichem Kontakt mit der Spielleitung und hat uns ausdrücklich erlaubt, mit der Vorlage großzügig umzugehen und das Spiel so zu gestalten, wie es auf der Atriumbühne möglich sei. Das war auch dringend notwendig: Wie inszenieren wir fliegende Kinder? Wie schwimmende Kisten? Eine Ballonfahrt? Einen Wolkenwolf, der köttelnde Schafe vertreibt? Eine Horde Riesenspinnen? Wie schaffen wir es, trotz all der irren Ideen und Klamauk die wirklich wichtige Botschaft des Stücks zu transportieren?

Hilfe dabei erhielt die Theater-AG von der PA-AG und der Licht-AG, aber vor allem von einzelnen Schülerinnen, die sich mit Soufflage, Spielleitung und Requisiten befassten. Die Klasse 6d  erarbeitete mit viel Mühe Stabpuppen und Elemente für das Bühnenbild und die Requisite.

 

Wir sind stolz auf diesen kleinen und doch gelungenen Versuch, unsere Grenzen zu überschreiten.

Am Ende stand ein besonderer Theaterabend, an dem viele helfende Hände beteiligt waren und an dem wir Neues ausprobierten. Da bei blieb das Bühnenbild bewusst spartanisch mit schwarzem Hintergrund, auf dem plakativ einzelne Elemente mit Stäben abgebildet wurden. Der Flug der Hauptfiguren wurde mittels Puppenspiel dargestellt. Die Inszenierungsidee bestand im Wesentlichen darin, den fantastischen Aspekt mit der Hilfe verfremdeter Alltagsgegenstände darzustellen: Ein Amazon-Karton wurde zur Überseekiste, Plastikbälle zu Bomben, ein Handstaubsauger zum Schmetterlingsstaubansaugrohr, ein Regenschirm zur Herzextraktionsmaschine, Glitzerspray zu Schmetterlingsstaub, ein Teichnetz zum Spinnennetz... Auch die Kostüme blieben bewusst alltäglich, wenn auch bunt und wild.

 

Das Stück ist mittlerweile europaweit mehrfach aufgeführt worden,  vor allem auf professionellen Bühnen mit vielen Effekten und ausgefeilter Bühnentechnik. Ob Andri Magnason so viel Spaß an unserer Inszenierung gehabt hätte, wie wir, lässt sich nicht sagen, aber wir sind stolz auf diesen kleinen und doch gelungenen Versuch, unsere Grenzen zu überschreiten.

 

 

 

Christiane Becker-Nett